Chinas Niedrigluftraum-Ökonomie steht vor einem starkem Wachstum. Im Zentrum der „dritten Dimension“ der Mobilität eVTOLs (electric Vertical Take-off and Landing), die kurz vor dem breiteren Marktdurchbruch stehen. Getrieben von politischer Unterstützung, technologischen Fortschritten und steigender Marktnachfrage soll der Sektor bis 2035 ein Volumen von über 1 Billion RMB (rund 140 Mrd. USD) erreichen.
In diesem Beitrag skizziert Porsche Consulting, ein Mitglied der AHK Greater China, den Entwicklungspfad von eVTOLs – von ersten Nischenanwendungen bis hin zu einem möglichen Umbau urbaner Raumstrukturen – und zeigt, wie China plant, die Branchenentwicklung durch institutionelle Innovationen voranzutreiben. Ein Ökosystem in Billionen-RMB-Größe, das Fertigung, Betrieb und Dienstleistungen umfasst, ensteht und eröffnet globale Chancen. Der Weg zu einer führenden Position liegt in der Verbindung von technologischem Pragmatismus, regulatorischer Agilität und branchenübergreifender Zusammenarbeit. .
Dieser Artikel erschien erstmals in der Frühjahrsausgabe von DE Perspectives.
Juntian Dong
Partnerin, Porsche Consulting
Juntian Dong ist Lead Partnerin von Porsche Consulting für die Branchen Luft- und Raumfahrt sowie Industriegüter. Sie verfügt über mehr als 20 Jahre Berufs- und Beratungserfahrung mit Schwerpunkt auf Unternehmensstrategie, Supply-Chain-Transformation und Operational Excellence. Zuvor arbeitete sie bei McKinsey und Intel.
Shane Lyu
Manager, Porsche Consulting
Shane Lyu ist Projektmanager bei Porsche Consulting für die Automobil-Branche, Luft- und Raumfahrt sowie Industriegüter. Er verfügt über mehr als 10 Jahre Beratungserfahrung mit Fokus auf Wachstum und Markteintrittsstrategien, Supply-Chain-Transformation und Smart Manufacturing. Zuvor arbeitete er bei Monitor Deloitte.
Unter den weiten Himmeln chinesischer Megastädte vollzieht sich eine stille Revolution – eine Entwicklung, die urbane Mobilität, Logistik und die Strukturen moderner Verkehrssysteme neu definieren könnte. Im Zentrum steht das eVTOL-Fluggerät: das die „dritte Dimension“ von einem Konzept in die Realität führen soll.
Laut einem Whitepaper, das gemeinsam von Porsche Consulting, der Chinese Society of Aeronautics and Astronautics, dem China Automotive Technology & Research Center und Inflync Aviation veröffentlicht wurde, könnte diese junge Industrie in China bis 2035 zu einem Markt von 1 Billion RMB (140 Mrd. USD) heranwachsen.
Die Leinwand der Möglichkeiten: Von der Nische zur Norm
Die Entwicklung von eVTOLs erinnert an die Entwicklung von Elektrofahrzeugen – allerdings mit höhere Anforderungen und größerer Komplexität.
In der Einführungsphase (2025–2030) sollen eVTOLs vor allem dort eingesetzt, wo ihre Vorteile besonders ersichtlich sind:
- Lufttourismus, etwa über der Skyline von Shenzhen
- Rettungs- und Notarztdienste, die Verkehrsstaus umgehen
- Präzisionslogistik, die hochwertige Güter in entlegene Regionen transportieren
Hybride eVTOLs können mit Betriebskosten von nur 1,0–1,4 USD pro Kilometer Helikoptern kostenseitig sowie hinsichtlich der Lärmemissionen deutlich überlegen sein (≤55 dB tagsüber bei 100 m Flughöhe) – ein Vorteil in urbanen Räumen.
Ab 2030 dürfte der Fokus stärker auf innerstädtischem Pendeln und regionalem Intercity-Verkehr liegen: Geschwindigkeiten von 200–360 km/h solln Reisezeiten jenseits der Bodenstaus und erweitern für Millionen Menschen den „Ein-Stunden-Lebensradius“.
Die eigentliche Transformation folgt danach: Bis 2035 wird die jährliche Nachfrage in China für Passagier-eVTOLs auf 42.000 bemannte Einheiten prognostiziert – getrieben durch urbanen Pendelverkehr, Tourismus, Privatbesitz sowie öffentliche Aufgaben wie Feuerwehr und Polizei. Die Vision von Air‑Taxis, die zwischen Hochhäusern verkehren, rückt dank ausgereifterer autonomer Systeme und wachsender Akzeptanz näher an die Realität.
Engineering der Zukunft: Der Wettstreit der Architekturen
Die eVTOL-Landschaft ist durch unterschiedliche Konstruktionen geprägt– alle mit dem Anspruch, Sicherheit, Effizienz und Skalierbarkeit zu vereinen.
- Tilt-Rotor-Designs, etwa Inflyncs Modell L600, nutzen Mantelpropeller (ducted fans) und kombinieren hohe Geschwindigkeit (360 km/h) mit sehr geringer Geräuschentwicklung (<60 dB) – geeignet für dicht besiedelte Gebiete.
- Fixed-Wing Multi-Rotor-Konzepte wie EHang’s EH216-S setzen auf Einfachheit und schnelle Kommerzialisierung, allerdings mit begrenzter Reichweite (100–200 km) und höherem Lärm (>72 dB).
Chinesische Hersteller setzen teils auf Übergangsmodelle und inkrementelle Innovation, um heutige technische Grenzen mit den Anforderungen zukünftiger urbaner Mobilität zu verbinden.
Auch die Energiesysteme sind entscheidend:
Hybride Antriebe – Batterien für den Vertikalflug, Generatoren zur Reichweitenverlängerung – gelten derzeit als besonders pragmatische Lösung. Mit Lebenszyklus-Kosten von 0,20–0,28 USD pro Sitzkilometer liegen sie klar vor rein elektrischen Varianten, die weiterhin durch Batteriedegradation, Ladezeiten und Infrastrukturlücken begrenzt sind (Lebenszyklus-Kosten 1,2–2,2 USD pro Sitzkilometer). Wasserstoff-Brennstoffzellen sind zwar vielversprechend für längere Strecken, bleiben in China jedoch durch Sicherheitsfragen, unreife Lieferketten und fragile Betankungsoptionen limitiert.
Unsichtbares Rückgrat: Politik und Synergien
Chinas Fortschritte sind das Ergebnis gezielter politischer Steuerung. Seit 2023 hat eine Reihe von Maßnahmen den regulatorischen Rahmen neu geordnet: Sechs Pilotstädte – darunter Shenzhen und Hefei – regulieren inzwischen den Luftraum unter 600 Metern, beschleunigen Routenfreigaben und fördern den Bau von Vertiports. Die chinesische Luftfahrtbehörde CAAC erteilte EHang zudem das weltweit erste Produktionszertifikat für ein eVTOL – schneller als vergleichbare Prozesse in den USA oder Europa. Lokale Anreize wie Shenzhens 20 Mio. RMB F&E-Subventionen verstärken den Innovationsdruck zusätzlich.
Wesentlich ist auch die branchenübergreifende Dynamik: Die EV-Industrie liefert wichtige Bausteine – von Batteriedichte (z. B. CATL mit 500 Wh/kg „condensed-state cells“) bis zu Motoreneffizienz (z. B. Wolong Electric). Kohlefaserverbundwerkstoffe, die bis zu 70% der Flugzeugstruktur ausmachen, reduzieren Gewicht im Vergleich zu Aluminium um rund 50%. Gleichzeitig holen chinesische Zulieferer wie Zhongfu Shenying im Wettbewerb mit globalen Anbietern wie Toray und Hexcel auf.
Turbulenzen voraus: Die Herausforderungen
Trotz großer Chancen bleibt der Weg anspruchsvoll. Sicherheit ist zentral: eVTOLs müssen Ausfallraten von unter 1×10⁻⁹ pro Flugstunde erreichen – eine um den Faktor zehn strengere Vorgabe als bei heutigen kommerziellen Jets. Zudem könnten Bedenken zu Lärm und Privatsphäre die urbane Integration verzögern. Die Infrastruktur ist ebenfalls ein Engpass: Weniger als 50 Vertiports landesweit stehen einem geschätzten Bedarf von 500+ bis 2030 gegenüber. Auch Datensicherheit gewinnt an Bedeutung – mit Anforderungen an hochgradige Verschlüsselung und Compliance mit neuen Regelwerken wie einem chinesischen „Low-Altitude Data Management Act“.
Epilog: Ein neu gedachter Himmel
Nach Prognosen von Porsche Consulting ist die Niedrigluftraum-Ökonomie mehr als eine Verkehrsrevolution: Sie könnte ein Marktvolumen von über 160 Mrd. USD erreichen – über eVTOL-Fertigung, kommerziellen Betrieb, unterstützende Services und vorgelagerte Lieferketten hinweg. Für globale Unternehmen entstehen vielfältige Chancen: Deutsche Firmen könnten luftfahrtzertifizierte Sensorik exportieren, an sino-europäischen Lufttüchtigkeitsstandards mitarbeiten oder Plattformen für ein „3D Traffic Management“ nach Vorbild großer Industrieanbieter aufbauen.
Am Ende werden jene Akteure vorn liegen, die die Kombination aus technologischem Pragmatismus, regulatorischer Agilität und branchenübergreifender Zusammenarbeit meistern. Der Horizont ist dabei kein Limit, sondern eine Leinwand für menschliche Innovationskraft