Die Deutsche Handelskammer in China hat kürzlich ihren neuesten Bericht „From China to Global: How German Companies Leverage the New Wave of Chinese Companies Going Abroad“ veröffentlicht. Der Bericht basiert auf Interviews mit 11 Mitgliedsunternehmen, die zwischen April und Juni 2026 durchgeführt wurden, und wird durch die Ergebnisse der Business Confidence Survey 2025/26 der Deutschen Handelskammer in China ergänzt.
Der Bericht untersucht, wie deutsche Unternehmen in China auf die internationale Expansion chinesischer Unternehmen reagieren. Dabei werden unter anderem neue Kooperationsmodelle, die beiderseitigen Motive sowie die damit verbundenen strategischen und geopolitischen Herausforderungen analysiert. Der Bericht verfolgt eine neutrale Perspektive und beschreibt einen Markttrend, der durch makroökonomische Faktoren und sich verändernde Wettbewerbsdynamiken in China geprägt ist.
Zentrale Erkenntnisse des Papiers
- Der „Going Global“-Trend tritt in eine neue Phase ein
Chinesische Unternehmen expandieren zunehmend ins Ausland. Die aktuelle Welle unterscheidet sich von früheren Phasen dadurch, dass chinesische Unternehmen Marken, Produktionskapazitäten und ganze Ökosysteme exportieren. Deutsche Unternehmen in China sehen darin inzwischen ihre wichtigste Geschäftschance.
- Deutsche Unternehmen agieren in fünf unterschiedlichen Modellen
Deutsche Unternehmen in China beteiligen sich an der Auslandsexpansion chinesischer Unternehmen über fünf unterschiedliche Modelle: durch die Lieferung von Produkten oder Dienstleistungen an die Auslandsaktivitäten chinesischer Unternehmen, durch Unterstützung chinesischer Unternehmen bei der Erfüllung internationaler Standards, durch die Vermittlung internationaler Markterschliessungsexpertise, durch die gemeinsame Expansion in neue Märkte mit chinesischen Partnern sowie durch das Folgen chinesischer Unternehmen in Drittländer. Welcher Ansatz am besten geeignet ist, hängt von der Branche, der bestehenden globalen Präsenz und der Art der Beziehung zum chinesischen Partner ab.
- Beide Seiten haben starke Motive zur Zusammenarbeit
Deutsche Unternehmen in China werden von zwei sich gegenseitig verstärkenden Motiven geleitet, mit international expandierenden chinesischen Unternehmen zusammenzuarbeiten: rückläufige Nachfrage traditioneller, lokaler Kunden zu ersetzen und/oder in einem sich wandelnden globalen Markt relevant zu bleiben. Gleichzeitig profitieren chinesische Unternehmen von deutschen Stärken in Form globaler Präsenz, Markenvertrauen sowie regulatorischem und marktbezogenem Know-how.
- Das Zeitfenster der Chancen wird kleiner
Die Komplementarität zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen ist kein dauerhafter Zustand. Da chinesische Unternehmen rasch neue Fähigkeiten erwerben, verändert sich die Wettbewerbslandschaft – und das Zeitfenster für Partnerschaften bei ihrer globalen Expansion wird kleiner.
- Der Ausgangspunkt China ist entscheidend
Die Zusammenarbeit mit international expandierenden chinesischen Unternehmen muss laut der interviewten Unternehmen in China beginnen. Strategische Entscheidungen werden in den chinesischen Zentralen in China getroffen, und ein wachsender Anteil an Innovation sowie Forschung und Entwicklung entsteht dort. Gleichzeitig machen die Geschwindigkeit und Intensität des Wettbewerbs sowie die Vollständigkeit der chinesischen industriellen Lieferkette China zu einem wichtigen Ausgangspunkt für deutsche Unternehmen, um ihre globale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und auszubauen.
- Deutsche Unternehmen agieren als Vermittler
Deutsche Unternehmen in China übernehmen im „Going Global“-Trend zunehmend eine Vermittlerrolle. Sich als Brückenbauer zu positionieren und langfristig in den Aufbau von Beziehungen zu investieren, sind zentrale Strategien, die deutsche Unternehmen bei der Zusammenarbeit im Rahmen der Auslandsexpansion chinesischer Unternehmen berücksichtigen sollten.
- Umgekehrte Wissensflüsse beschleunigen sich
Der „Going Global“-Trend hat umgekehrte Wissensflüsse von China nach Deutschland beschleunigt. Diese umfassen Prozesse, Geschwindigkeit und Marktinformationen, in Anerkennung der wachsenden Beobachtung deutscher Firmen, dass chinesische Unternehmen in einigen Branchen zu Technologieführern geworden sind.
- Die Reaktionszeit der Zentralen auf „Going Global“-Chancen „hinkt hinterher“
Während viele deutsche Unternehmen ihren China-Einheiten in den vergangenen Jahren größere Autonomie eingeräumt haben, um den lokalen Markt zu bedienen, erfordert die neue Welle der „Going Global“-Kooperation ein erweitertes Mandat durch die Zentralen, um den künftigen Geschäftserfolg zu sichern. Die Unterstützung durch die Zentralen entspricht jedoch häufig nicht dem erforderlichen Tempo. Diese strukturelle Diskrepanz führt zu messbaren Verlusten – von langsameren Reaktionen auf Marktchancen über die verzögerte Integration in China entwickelter Produkte in globale Portfolios bis hin zum Verpassen von Zeitfenstern, um Branchenstandards mitzugestalten.
- Geopolitik schafft eine neue Ebene der Komplexität
Geopolitische Dynamiken prägen zunehmend das Geschäftsumfeld deutscher Unternehmen in China und darüber hinaus. Für deutsche Unternehmen entsteht dadurch eine neue Ebene der Komplexität. Einem chinesischen Kunden beispielsweise dabei zu helfen, eine Ausschreibung in Europa zu gewinnen, kann heute bedeuten, nicht nur den kommerziellen Wettbewerb, sondern auch politische und regulatorische Prüfungen bewältigen und ggf. Widersprüche auflösen zu müssen. Dies wird zu einer entscheidenden Variablen ihrer Geschäftsentscheidungen.
Wir möchten den 11 Mitgliedsunternehmen, die an den Interviews teilgenommen und ihre wertvollen Einblicke und Erfahrungen geteilt haben, unseren aufrichtigen Dank aussprechen. Ihre Beiträge haben diese Analyse ermöglicht und dazu beigetragen, eine praxisnahe Perspektive darauf zu vermitteln, wie deutsche Unternehmen in China mit der neuen Welle chinesischer Unternehmen auf dem Weg zur Internationalisierung umgehen können.