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Merck China: Wer heute in China investiert, stärkt seine Wettbewerbsfähigkeit von morgen

Ein Artikel aus unserem Business-Magazin DE Perspectives. Der folgende Artikel ist in der Sommer-Ausgabe 2026 unseres englischsprachigen Business Magazins DE Perspectives erschienen. Diese Ausgabe geht um das Thema „Path to Grow“. Den Link zum Magazin finden Sie weiter unten.

Großes blau-grünes „enercity“-Schriftzug-Logo auf einer Rasenfläche vor einem modernen Gebäude bei blauem Himmel.

Als Rogier Janssens 2017 seine Tätigkeit als General Manager des Healthcare-Geschäfts von Merck in China aufnahm, befand sich das Unternehmen an einem Wendepunkt: China war für den deutschen Wissenschafts- und Technologiekonzern bereits ein bedeutender Markt, doch das Modell funktionierte im Wesentlichen nur in eine Richtung: Globale Innovationen wurden nach China gebracht und dort verkauft. Acht Jahre später hat sich dieses Bild grundlegend gewandelt.

 

Heute ist Merck China nicht mehr nur eine Vertriebsniederlassung, sondern deckt die gesamte Wertschöpfungskette ab und betreibt lokale F&E sowie moderne Produktionsanlagen, baut Lieferkettennetzwerke auf und schafft Innovationszentren, deren Impulse in die globale Organisation zurückfließen.

 

Rogier Janssens, heute President of Merck China - einem Mitgliedsunternehmen der AHK Greater China-, beschreibt seine Vision als einen Weg von der „Einführung globaler Innovationen in China“ hin zur „gemeinsamen Entwicklung von Innovationen in China, für China und für die Welt“. Dieser Wandel sei tiefgreifend, erklärt er. „Was mich an dieser Entwicklung am meisten beeindruckt, ist der tiefgreifende Wandel der Präsenz von Merck in der Region. Wir haben uns erfolgreich von einer traditionellen, marktorientierten Vertriebsstruktur zu einer umfassenden Präsenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette entwickelt.“

 

Diese Entwicklung vollzog sich nicht über Nacht, sondern beruhte auf jahrelangen gezielten Investitionen, der Bereitschaft zu einer weitreichenden Lokalisierung und der Erkenntnis, dass China nicht länger wie jeder andere Schwellenmarkt behandelt werden konnte. Rogier Janssens sieht seine Aufgabe darin, die strategische Entwicklung in einem „entscheidenden Schwellenmarkt“ voranzutreiben, und schreibt seinem Team eine wichtige Rolle beim Ausbau der lokalen industriellen Präsenz von Merck und der Erweiterung kollaborativer Innovationsnetzwerke zu.

 

„Wir haben uns stark darauf konzentriert, die globalen medizinischen und technologischen Fortschritte von Merck mit den besonderen, schnelllebigen Anforderungen des chinesischen Gesundheitsmarktes in Einklang zu bringen“, sagt er.

 

Chinas „dreifache Rolle“ in der globalen Strategie von Merck

 

Eines der auffälligsten Themen des Interviews ist die vielschichtige Rolle, die China inzwischen innerhalb von Merck spielt. Rogier Janssens bezeichnet das Land als einen „strategischen Schmelztiegel“ für Innovation und Wachstum in allen drei Unternehmensbereichen von Merck: Healthcare, Life Science und Electronics. Er unterteilt diese Rolle in drei unterschiedliche Funktionen:

 

  •      Ein Wachstumsmotor: China bleibt einer der größten und dynamischsten Märkte          im  globalen Portfolio von Merck. 
  •    Ein Innovationsbeschleuniger: Das Tempo der Digitalisierung und der klinischen            Entwicklung in China veranlasst Merck, Innovationen schneller voranzutreiben,              wovon auch die globalen Aktivitäten profitieren. 
  •    Ein wichtiges Glied in den globalen Lieferketten: Lokale Fertigungs- und F&E-                  Kapazitäten stärken die globale Resilienz.  

 

Diese „dreifache Rolle“ steht für eine bedeutende strategische Aufwertung. Rogier Janssens macht deutlich, wie Merck China heute betrachtet: „Wir sehen China nicht nur als Markt, sondern als eine wichtige Quelle für die gemeinsame Entwicklung unseres globalen Geschäfts.“

 

Merck hat seine Präsenz in China deutlich ausgebaut, und Rogier Janssens betrachtet die dortigen Standorte nicht nur als Infrastruktur, sondern als wichtige strategische Grundlage, um lokale Stakeholder schneller und zuverlässiger zu versorgen und ihnen passgenauere Lösungen anzubieten.

 

Die praktischen Vorteile liegen auf der Hand. Mit lokalen Produktionsstandorten und Laboren kann Merck Lieferzyklen verkürzen, die Produktqualität stabilisieren und schnell auf Veränderungen bei politischen Rahmenbedingungen oder der Marktnachfrage reagieren. Darüber hinaus können die Teams vor Ort China-spezifische klinische Prüfungen durchführen, Lösungen optimieren und mit Industriepartnern zusammenarbeiten, statt lediglich andernorts entwickelte Produkte zu importieren.

 

„Glocal“-Governance und chinesisches Tempo: Offene Co-Creation als Kern

 

Mit Blick auf das vergangene Jahrzehnt nennt Rogier Janssens zwei entscheidende Wendepunkte für Merck China. „Erstens haben wir uns von einer marktorientierten Niederlassung zu einer innovationsgetriebenen lokalen Zentrale entwickelt und dabei unsere lokale F&E, Produktion und Innovationsökosysteme kontinuierlich ausgebaut. Zweitens hat sich Merck China vom ‚Empfänger globaler Technologien‘ zu einem Mitgestalter globaler Innovationen entwickelt.“

 

Als konkrete Beispiele nennt er unter anderem das Merck China Greater Bay Area (GBA) Innovation and Collaboration Center sowie lokale Partnerschaften mit den chinesischen Biotech-Unternehmen Abbisko und Zelgen. Diese Kooperationen zeigen seiner Ansicht nach, dass lokale Erfahrungen aus China heute aktiv in die globale Strategie von Merck einfließen. Die daraus entstandenen Ansätze speisen inzwischen die globale Innovationspipeline von Merck und bilden damit einen der größten Wettbewerbsvorteile für die nächste Phase.

 

Der Ansatz von Merck China bei lokalen Partnerschaften basiert auf offener Co-Creation und einer Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren, denn Innovation kann nicht isoliert entstehen. Merck China fördert aktiv ein offenes Innovationsökosystem und arbeitet dafür mit führenden chinesischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen, um Innovationen zu beschleunigen. Zudem kooperiert das Unternehmen über strategische Lizenzvereinbarungen und gemeinsame Entwicklungsprojekte mit lokalen Biotech- und Industriepartnern. Diese Aktivitäten verbinden die globale regulatorische und kommerzielle Expertise von Merck mit der Agilität und Innovationskraft lokaler Akteure.

 

Mit Blick auf regulatorische Fragen betont Rogier Janssens, wie wichtig ein transparenter und konstruktiver Dialog mit den zuständigen Behörden ist, um regulatorische Prozesse zu optimieren und innovative Lösungen schneller für chinesische Kunden verfügbar zu machen, denn Merck wächst nicht isoliert, sondern gemeinsam mit dem gesamten industriellen Ökosystem Chinas.

 

Wie kann ein globales Unternehmen Konsistenz bewahren und sich gleichzeitig an einen Markt anpassen, der sich mit enormer Geschwindigkeit entwickelt? Rogier Janssens beschreibt dafür einen Rahmen der „Glocal“-Governance. „Wir halten uns strikt an die globalen Qualitäts-, Compliance- und Ethikstandards von Merck. Gleichzeitig geben wir unserem lokalen Führungsteam die Autonomie, schnelle und marktgerechte Entscheidungen zu treffen.“

 

Um mit dem „chinesischen Tempo“ Schritt zu halten, hat Merck seine internen Prozesse neu gestaltet und agile Arbeitsabläufe sowie digitale Tools eingeführt, mit denen die Teams schnell reagieren können, wenn sich lokale regulatorische Vorgaben oder Marktdynamiken verändern.

 

Das lokale Ökosystem verstehen: Was multinationale Unternehmen in China falsch einschätzen

 

Rogier Janssens warnt offen vor den Herausforderungen, die multinationale Unternehmen unterschätzen, wenn sie in China langfristig erfolgreich sein wollen.

 

„Viele Unternehmen unterschätzen, wie schnell sich der lokale Wettbewerb entwickelt und wie rasant das lokale Ökosystem an Reife gewinnt.“ Er fügt eine klare Beobachtung hinzu: „Es reicht nicht mehr aus, globale Produkte nach China zu bringen und unmittelbaren Erfolg zu erwarten. Lokale Akteure treiben Innovationen in rasantem Tempo voran, gestützt auf eine starke Kapitalbasis und günstige politische Rahmenbedingungen.“

 

Neben dem Wettbewerb verweist er auf die Notwendigkeit eines differenzierten Umgangs mit lokalen Vorschriften zur Datensicherheit und geopolitischen Makrotrends. Diese erfordern seiner Ansicht nach „einen hochentwickelten und tief verankerten lokalen Compliance- und Rechtsrahmen, der weit über das traditionelle Risikomanagement hinausgeht“.

 

Mit Blick auf die Zukunft nennt Rogier Janssens als wichtigste Prioritäten die Beschleunigung lokaler Innovation in den drei Geschäftsbereichen sowie eine engere Zusammenarbeit im Ökosystem durch vertrauensbasierte Partnerschaften mit Industrie und Wissenschaft.

 

Zu den wichtigsten Kompetenzen der Zukunft zählen seiner Ansicht nach „digitale Versiertheit (also der Einsatz von KI und Big Data im Gesundheitswesen und im operativen Geschäft) sowie lokale Talententwicklung — die Förderung von Führungskräften, die sich sicher zwischen verschiedenen Kulturen bewegen und agile Innovationen vorantreiben können“.

 

Rogier Janssens bezeichnet die AHK Greater China und die German Chamber als „unverzichtbare Säulen“, die eine wichtige Plattform für den bilateralen Dialog bieten und die Anliegen der Wirtschaft gegenüber den zuständigen Behörden vertreten. Er begrüßt eine engere Zusammenarbeit bei der Förderung fairer Wettbewerbsbedingungen für Unternehmen mit ausländischer Beteiligung, bei der Gestaltung des Wandels in den Bereichen grüne Energie und Nachhaltigkeit sowie bei der Schaffung gemeinsamer Plattformen, um die Beiträge deutscher Unternehmen sichtbar zu machen.

 

An deutsche und europäische Unternehmen, die langfristige Investitionen in China erwägen, richtet er Folgendes: „Meine Botschaft ist klar: China bleibt unverzichtbar. Der Markt ist zweifellos reifer und komplexer geworden, doch seine grundlegenden Stärken — eine enorme Bevölkerung, ein riesiger Talentpool, beispiellose industrielle Lieferketten und ein starker Innovationsdrang — bleiben unübertroffen.“

 

„Erfolg in China erfordert einen langen Atem, die Bereitschaft zu einer weitreichenden Lokalisierung und die Agilität, beim ‚chinesischen Tempo‘ mitzuhalten. Wenn Sie morgen global wettbewerbsfähig sein wollen, müssen Sie sich heute aktiv in China engagieren.“

 

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