Chinas Corporate Social Credit System (SCS)

Statement der Deutschen Handelskammer in China

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Beijing/Guangzhou/Shanghai, 28. August 2019 - Rund ein Jahr vor der geplanten Einführung eines umfassenden nationalen Scoring-Systems für Unternehmen zeigt sich, dass knapp sieben von zehn deutschen Unternehmen in China nicht mit dem System, seiner Wirkungsweise und Zielsetzung im Geschäftskontext vertraut sind. Dies ergab eine aktuelle Umfrage der Deutschen Handelskammer in China unter ihren Mitgliedern. Es fehlen substanzielle Informationen zur Systematik und Funktion des Scoring-Systems sowie über vorzubereitende Maßnahmen. Es ist bisher unklar, welche konkreten Auswirkungen auf den Unternehmensalltag zu erwarten sind.

Das Thema ist von hoher Zukunftsrelevanz, da mit einem umfassenden Scoring-System für Unternehmen Steuerungsmechanismen des Marktes und Rechtssystems in ein bisher beispielloses Meta-System übertragen werden, das auf einem intransparenten Algorithmus beruht. Aus Sicht der deutschen Wirtschaft sind eine Koppelung an rechtsstaatliche Prinzipien und transparente nachvollziehbare Regeln eine Grundvoraussetzung für ein derartiges Bewertungssystem. Die Datenabfrage sollte sich auf das notwendige Minimum beschränken. Ein solches System kann im Geschäftsalltag vertrauensbildend bei Unternehmen wirken. Es könnte beispielsweise helfen, andere Unternehmen besser einzuschätzen, bevor eine Geschäftsbeziehung eingegangen oder vertieft wird. Jedoch nur, wenn den Marktteilnehmern klar ist, wie sich die Bewertungen zusammensetzen und welche Konsequenzen sich aus diesen ergeben. Ist dies nicht gegeben, lässt das Scoring-System Spielraum für den Aufbau von Markthürden abseits von bereits existierenden Markteintrittsbeschränkungen und Regularien. Dies schafft zusätzliche Unsicherheiten.

Wir erwarten zunächst, dass die chinesische Regierung möglichst schnell und umfassend über die Mechanismen des Scoring-Systems, die Umsetzungsplanung und Konsequenzen informieren wird, um die Informationslücke und damit die Unsicherheiten in Bezug auf das Scoring-System unter den deutschen Unternehmen in China zu schließen.


Folgende Maßnahmen (basierend auf dem Report der European Union Chamber of Commerce in China und Sinolytics) können aus Sicht der Deutschen Handelskammer in China helfen, die Informationslücke zu schließen und Unsicherheiten zu reduzieren:

1. Informationstransparenz zur Scoring-Berechnung schaffen: Es ist unklar, wie einzelne Scores überhaupt berechnet werden. Damit ist auch nicht nachvollziehbar und durch unternehmerische Maßnahmen steuerbar, wie Scores verbessert werden können. Gerade bei den Finanz-Scorings ist die Anwendung transparenter Algorithmen, deren Rechenweg einsehbar ist, notwendig.

2. Klärung Meta-Score: Es gilt zu klären, ob tatsächlich ein "Meta-Score" für jedes Unternehmen eingeführt wird, an dem man übersichtsmäßig sämtliche Scoring-Bewertungen ablesen kann oder ob mehrere Bonitätseinstufungen (wie bisher) parallel weiterlaufen werden.

3. Klärung der Redlists und Blacklists: Insbesondere sind nachvollziehbare Kriterien für die Erfassung und das Entfernen von Unternehmen in diesen Verzeichnissen unabdingbar.

4. Sektorübergreifende Sanktionierungsmaßnahmen vermeiden: Regelverstöße in einem Sektor sollten keine Auswirkungen auf andere Sektoren (ohne, dass dort ebenfalls Regelverstöße vorkamen) haben.

5. Trennung von Privat- und Unternehmensscoring: In der Umsetzungsplanung ist bisher vorgesehen, dass der „credit record“ von "responsible personnel" eines Unternehmens Einfluss auf den Unternehmens-Score hat. Der „credit record“ dieser Personen soll direkten Einfluss auf die Bewertung des Unternehmens - und andersherum - haben. Darauf sollte verzichtet werden. Bisher fehlt ebenfalls eine Definition von „responsible personnel“.

6. Unabhängigkeit von Geschäftspartnern im Scoring: Scoring-Ergebnisse von Geschäftspartnern sollen sich laut Plan auf das Scoring-Ergebnis des eigenen Unternehmens auswirken. Darauf sollte verzichtet werden. Bisher fehlt eine Definition wer zu "business partners" eines Unternehmens zählt.

7. Transparenz für den Umgang mit Negativbewertungen: Bisher ist nur die Wiederhochstufung von Negativbewertungen solcher Unternehmen möglich, die als schwerwiegend „unglaubwürdig“ eingestuft wurden. Es gilt zu klären, welche Mechanismen zum Einsatz kommen, wenn es sich lediglich um „nicht optimale“ Bewertungen handelt.

8. Übergangsperioden schaffen und kommunizieren: Ausländische Unternehmen brauchen klar definierte Übergangsperioden zur Vorbereitung auf das SCS. Optimal wäre dabei, wenn die chinesischen Behörden die Unternehmen auf bestehende Probleme und drohende Konsequenzen aufmerksam machen würden.

9. Klare Kommunikationswege: Um Unsicherheiten bei Unternehmen zu verhindern, sollte es eine transparente Kommunikation inklusive festem Ansprechpartner sowie klare Kommunikationswege für ausländische Unternehmen in China geben, wenn sie sich über die sie betreffenden Regularien informieren wollen (v.a. für SMEs ist es schwierig, einen Überblick zu bekommen).

 

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