Netzwerktreffen – Von Pilotprojekten zu Chinas nationalem Emissionshandelssystem – Erfahrungen, Status und Ausblick

06.04.17 Politics

Econet Monitor, Ausgabe Januar 2017

In diesem Jahr plant die chinesische Zentralregierung den Start des nationalen Emissionshandelssystems (EHS) basierend auf den Erfahrungen der sieben Pilot­systeme, die seit über drei Jahren betrieben werden. Vor diesem Hintergrund organisierte die AHK Greater China Beijing am 14. Dezember 2016 im Rahmen des vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) geförderten Car­bon Market-Projektes ein Netzwerktreffen mit Fokus auf den aktuellen Status und die Ausgestaltung des nationalen EHS und lud Unternehmensvertreter und Experten dazu ein. Unter Berücksichtigung der Herausforderungen und Fortschritte der sieben regionalen Pilotprojekte wurden die Struktur und die Ent­wicklung des nationalen Systems diskutiert.

Das Netzwerktreffen begann mit einem Vortrag von Zou Yi, Vice Director of Research & Development des China Beijing Environment Exchange (CBEEX), über den Status Quo des Pekinger Pilotprojektes sowie die Erwartungen für das kommende nationale EHS. Dabei zog Zou eine insgesamt positive Bilanz des Pekinger Modells und verwies auf dessen zufriedenstellende Performance in den vergangenen Jahren. So hat sich allein von 2015 bis 2016 das Volumen des Zertifikate­handels nahezu verdoppelt auf 6,2 Millionen Tonnen CO2, während der Umsatz um knapp 60% anstieg. Auffällig sei, dass das Onlinegeschäft in den letzten drei Jahren zusammengenommen mehr zum Umsatz beitrug als der klassische „over-the-counter“-Handel (OTC). Außerdem hob Zou Yi die Bedeutung von Einzelpersonen im Pekinger EHS hervor, die mit ihren Transaktionen einen wichtigen Beitrag dafür leisten würden, dass zusätzliche Liquidität für den Markt bereitgestellt wird. Insgesamt ließen diese positiven Daten und Resultate laut Zou auf eine in letzter Zeit kontinuierlich wachsende Marktaktivität schließen. Ein weiteres Ergebnis des Pekinger Pilotprojekts sind die reduzierten Emissionen der beteiligten Unternehmen. Diese konnten 2013 um 4,5%, 2014 um 5,96% und 2015 um 6,17% jeweils im Vergleich zu den Vor­jahren gesenkt werden. Auch andere Pilotprojekte wiesen vergleichbare Ergebnisse auf. Zou konstatierte, dass diese positiven Entwicklungen einen Beleg dafür darstellten, dass das System tatsächlich funk­tioniere. Damit seien bereits Grundvoraussetzungen gegeben, damit das nationale System 2017 implemen­tiert werden könne.

Weiterhin wurde die Struktur des nationalen EHS analysiert. Gemäß der National Development and Reform Commission (NDRC) werden Unternehmen, die in den acht Sektoren Energie, Mineralölverarbei­tung, Chemie, Baumaterialien, Stahl, Nichteisenmetalle, Papierherstellung sowie dem Luftfahrtsektor tätig sind, berücksichtigt. Allen in Frage kommenden Unternehmen ist gemein, dass sie die Voraussetzung, mindestens 26.000 Tonnen CO2 pro Jahr zu emittie­ren, erfüllen müssen, um ins nationale System einge­bunden zu werden. Es wird geschätzt, dass sieben bis zehntausend Unternehmen am Handel partizipieren werden und sich dessen Volumen auf drei bis vier Mil­liarden Tonnen CO2 pro Jahr belaufen wird. Der Um­satz soll jährlich acht Mrd. CNY im Spot- und bis zu 400 Mrd. CNY im Futuresmarkt betragen.

Als zweiter Experte berichtete Chen Zhibin, Senior Analyst von Sino Carbon Innovation & Investment, über die Struktur und den Entwicklungsstand von Chinas nationalem EHS. Um dieses wie geplant im Herbst 2017 zu starten, bedarf es der Erfüllung der folgenden fünf Meilensteine: Zuerst die Veröffentlichung der nationalen EHS-Regularien durch den State Council und anschließend die Implementierung des Systems zur Überwachung, Berichterstattung und Prüfung von Emissionen (Monitoring, Reporting and Verification; kurz MRV). Dem folgt die Einführung des Systems für die Registrierung und für die bereits genehmigten Handelsbörsen sowie letztlich die Allokation der Zertifikate. Darauf aufbauend soll in der ersten Phase bis 2019 das Ziel verfolgt werden, einen funktionierenden Markt für den Emissionshandel in China zu schaffen. Diesbezüglich schätzt Chen, dass es insbesondere im Hinblick auf die 37 teilnehmenden Regionen, die bisher mehrheitlich keine Erfahrung mit dem EHS sammeln konnten, zwei bis drei Jahre dauern werde, bis der Markt von diesen richtig eingeschätzt werden könne. Chen sprach in diesem Zusammen­hang von einem Prozess des „learning by doing“ und verwies dabei auch auf die bisher erzielten Erfolge im Bereich des Capacity Building: In acht nationalen EHS-Zentren wurden bereits rund 22.000 Trainings absolviert, um gerade unerfahrenen Vertretern der Regionen, die nicht durch die Pilotprojekte abgedeckt waren, die Möglichkeit zu geben, ein Verständnis für das neue System zu entwickeln. Teilnehmer waren insbesondere Entscheidungsträger von Seiten der Ad­ministration und Unternehmen sowie Vertreter der unabhängigen chinesischen Prüfstellen für die Zertifi­zierung von CO2-Emissionen. Insgesamt schreibt Chen diesen Schulungen auch in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle zu, um einen funktionierenden Markt zu entwickeln.

Im Hinblick auf das Allokationsverfahren werde man vor allem zu Beginn besonders in komplexen Sek­toren wie der Chemie- und Stahlindustrie verstärkt auf das sogenannte „Grandfathering“-Prinzip setzen und damit historischen Werten für die Emissionen vertrauen, da in diesen Segmenten qualitativ hochwertige Daten fehlen und nur schwer zu erheben seien. Das Vorhandensein dieser sei allerdings die Vorrausetzung, um das präferierte Benchmarking- Verfahren zu nutzen, welches auf dem Vergleich mit Referenzdaten basiert. Ziel sei es, diese Methode zeit­nah für alle Sektoren des EHS einzuführen. Darüber hinaus hat man sich in Bezug auf die Zuteilungen der Zertifikate auf den „Bottom-up“ Ansatz verständigt, der zunächst auf den Daten einzelner Unternehmen aufbaut. Chen Zhibin begründete dies damit, dass der Höhepunkt der industriellen Aktivität in China im Gegensatz zu Europa nicht erreicht sei und geht davon aus, dass dies im Jahr 2030 der Fall sein werde. Bis dahin werde es schwer sein, den industriellen Output und damit die Emissionen vorherzusehen, da fortwährend weitere Fabriken eröffnet würden. Als Konsequenz daraus ergebe es mehr Sinn, zuerst auf Provinzebene die Daten der einzelnen Unternehmen zu erfassen und die einzelnen Werte aufzusummie­ren. Anschließend würden die Ergebnisse dann der NDRC gemeldet. Erst danach werden die Zertifikate von dieser für jede Provinz zugeteilt. Insgesamt nehmen 31 Provinzen, fünf Städte und das Autonome Gebiet Xinjiang am nationalen EHS teil.

Des Weiteren wurde näher auf das MRV-System eingegangen. Momentan besteht für dieses kein ein­heitlicher nationaler Standard, um die unabhängigen chinesischen Prüfstellen zur Zertifizierung von Emis­sionen auszuwählen. Dies wird zurzeit in allen sieben Pilotsystemen unterschiedlich gehandhabt. Chen zeig­te sich allerdings zuversichtlich, dass eine Vereinheitli­chung in diesem Bereich im Jahr 2017 erreicht werden könne. Schließlich kam die Eröffnung eines weiteren Pilotsystems im Dezember 2016 in der südöstlichen Provinz Fujian zur Sprache, in dem zusätzlich zu den acht Sektoren des nationalen EHS noch die Keramikin­dustrie aufgenommen wird.

In der abschließenden Diskussion beantworteten die Referenten verstärkt Fragen zum Übergang der sieben Pilotsysteme in das nationale EHS. Dabei wurde deutlich, dass diese vorerst auch weiterhin parallel zum nationalen System bestehen bleiben. So werden beispielsweise im Pekinger System zwar die Mehrheit der Unternehmen in das nationale überführt, 900 davon verbleiben jedoch noch im bisherigen Pilotpro­jekt. Überdies wurde die Problematik angesprochen, dass die verschiedenen Systeme mit unterschiedlicher Software operieren. Hier sei es das Ziel, zumindest ein einheitliches Registrierungssystem zu schaffen. Darüber hinaus kam die Frage auf, ob eine Kohlenstoffsteuer für kleinere Unternehmen, die nicht durch das EHS abgedeckt werden, eingeführt wird. Dies verneinten die Referenten und fügten hinzu, dass vor 2020 keine Abgabe dieser Art in Sicht sei. Hinsichtlich des neuen Pilotsystems in Fujian wurden seitens der Teilnehmer Bedenken geäußert, ob dessen Start we­niger als ein Jahr vor dem geplanten Beginn des na­tionalen Systems sinnvoll sei. Die Referenten bejahten dies und wiesen darauf hin, dass gerade die gewon­nene Praxiserfahrung kurz vor der Implementierung des nationalen EHS durch einen solchen proaktiven Ansatz am nützlichsten für das Capacity Building in Bezug auf das nationale System sei. Eine Besonderheit stelle hierbei das Einbeziehen kleiner Unternehmen in das EHS und die Unterstützung aktueller emissionsarmer Projekte dar. Insgesamt wurde im Rahmen der Veranstaltung deutlich, dass für einen reibungslosen Übergang der regionalen Systeme in das nationale EHS noch zahlreiche Vorbereitungen und eine erhöhte Koordination zwischen den Regionen vonnöten sind.

© German Industry & Commerce Greater China Beijing