Netzwerktreffen – Chinas Baustoffsektor: Emissionsreduktion und Integration in das nationale Emissionshandelssystem

06.04.17 Environment

Econet Monitor, Ausgabe November 2016

Zu Beginn des Jahres verkündete die National Development and Reform Commission (NDRC) die acht Sektoren, die ab 2017 in das chinesische nationale Emissionshandelssystem (EHS) mit eingeschlossen werden sollen. Neben den Sektoren Energie, Mineralölverarbeitung, Chemie, Nichteisenmetalle, Luftfahrt und Papierherstellung werden auch die Baustoffbranche und die Stahlindustrie in das bevorstehende EHS integriert. Als weltweit größter Hersteller von Stahl und Zement steht China vor der wichtigen Aufgabe, den Energieverbrauch und die Emissionen dieser traditionellen Industriezweige weiter zu senken und gleichzeitig die bestehenden Überkapazitäten einzudämmen.

Vor dem Hintergrund des künftigen nationalen EHS veranstaltete die AHK Greater China Beijing bereits im August ein Netzwerktreffen. Dabei berichteten Experten über das vorgesehene System zur Messung und Verifizierung von Emissionen sowie über dessen Umsetzung in Industrieunternehmen. Ebenfalls im Rahmen des vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) geförderten Carbon Market-Projekts organisierte die AHK nun ein Netzwerktreffen mit Fokus auf die energie- und emissionsintensive Baustoffindustrie und lud am 24. November 2016 Unternehmensvertreter und Experten dazu ein. Zwei ausgewählte Referenten berichteten über Emissionen und Entwicklungen im chinesischen Baustoffsektor, mit besonderem Fokus auf die Stahl- und Zementindustrie.

Das Netzwerktreffen begann mit einem Vortrag von Prof. Jiang Kejun zum Potenzial und den Herausforderungen bei der Emissionsreduktion im chinesischen Stahl- und Zementsektor. Prof. Jiang, Research Professor des bei der NDRC angesiedelten Energy Research Institute (ERI) in Peking, ist einer der wichtigsten chinesischen Experten im Bereich der Evaluierung der Energie- und Klimapolitik. Neben seinen Forschungstätigkeiten ist er Hauptverfasser zahlreicher Berichte der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC).

Prof. Jiang stellte mehrere Szenarien für die Energienachfrage und Emissionsentwicklungen in verschiedenen Industriesektoren vor. Seine Prognosen für die Zement- und Stahlindustrie zeigen, dass die Netzwerktreffen – Chinas Baustoffsektor: Emissionsreduktion und Integration in das nationale Emissionshandelssystem Produktionskapazitäten und folglich auch der Energiebedarf bis 2020 weiter ansteigen und ab 2030 eine sinkende Tendenz zu erwarten ist. Dies brachte er in Verbindung mit den im Land bebauten Flächen. 55 Prozent des in China produzierten Zements und 65 Prozent der Stahlproduktion werden im Gebäudesektor eingesetzt. Das bedeutet, dass die Nachfrage an Zement und Stahl zurückgehen wird, wenn sich die Entwicklung im Sektor in Zukunft verlangsamt. Seine Analyse beispielsweise zum Energieverbrauch in der Zementindustrie zeigte eine Senkung von knapp 300 TWh im Jahr 2010 auf unter 100 TWh in 2050. Eine ähnliche Tendenz prognostiziert er für den CO2 -Ausstoß in verschiedenen Industriesektoren, einschließlich Zement und Stahl.

Im Hinblick auf den Zeitrahmen und technologische Ansätze meinte er, dass China sich seit 2011 in Richtung des 2°C-Zieles bewege und den Höhepunkt der CO2 -Emissionen voraussichtlich bereits vor 2025 erreichen werde. Jahresangaben wie 2025 oder 2035 würden zwar vorerst den Eindruck einer noch weit entfernten Zukunft vermitteln, jedoch in Bezug auf Energiesysteme seien Zeitspannen, beispielsweise aufgrund der Einsatzdauer von Kohlekraftwerken von 40 Jahren, relativ kurz, weshalb heutige Entscheidungen einen enormen Einfluss auf die künftigen Emissionen hätten. Für die Implementierung der CO2 - Abscheidung und -speicherung (CCS) im Land sieht er bessere Bedingungen für die Zement- und Stahlindustrie als für den Energiesektor. Zugleich wies er auf die noch geringen Investitionen in diesem Bereich hin Prof. Jiang Kejun vom Energy Research Institute der NDRC berichtete über Potenziale und Herausforderungen bei der Emissionsreduktion im chinesischen Stahl- und Zementsektor econet monitor Ausgabe November 2016 Seite 11 Environment und äußerte sich für eine Politik zur Unterstützung der CCS-Technologie. Für die Zukunft glaubt er allerdings an die vermehrte Nutzung von kohlenstoffarmen Technologien, wie eine koksfreie Eisen- und Rohstahlerzeugung, beispielsweise durch den Einsatz von Wasserstoff als Reduktionsmittel.

In einem zweiten Vortrag gab Shi Lijie vom International Cooperation Department der China National Building Material Group (CNBM) Einblicke in Erfahrungen und Maßnahmen für eine kohlenstoffarme Entwicklung im Baustoffsektor aus Unternehmenssicht. Das chinesische Staatsunternehmen ist der weltweit führende Hersteller von Baumaterialien und der nationale Marktführer in China mit einem Anteil von rund 70 Prozent. Seine jährliche Produktion umfasst 530 Mio. Tonnen Zementklinker, 430 Mio. m3 Transportbeton, 2 Mrd. m2 Gipskarton und 1,78 Mio. Tonnen Fiberglas. Daraus stellt CNBM beispielsweise Rotorblätter für Windkraftanlagen mit einer Kapazität von 16 GW her. CNBM beschäftigt um die 250.000 Mitarbeiter, darunter 38.000 Ingenieure und Wissenschaftler, und umschließt 70 nationale Forschungseinrichtungen sowie zertifizierte Test- und Inspektionszentren, mit einem Umsatz von rund 300 Mrd. RMB (ca. 40 Mrd. EUR).

Neben der Herstellung von hochwertigen und möglichst umweltverträglichen Baumaterialien gehört die Nutzung von industriellen und kommunalen Abfallprodukten zur Senkung des Energieverbrauchs und zur Produktion von kohlenstoffarmen Produkten ebenfalls zur Philosophie des Unternehmens. Als Beispiel für die Umsetzung dieser Maßnahmen berichtete Shi über die Nutzung von jährlich 100 Mio. Tonnen Industrieabfall im Zementsektor und über die Reduktion des CO2 - und SO2 -Ausstoßes um 30 bzw. 10 Mio. Tonnen durch Energieeinsparung und Restriktionen im Bereich von Abgas- und Staubemissionen. Dabei nannte Shi Lijie die Pilotanlage „Cement Intelligent Plant“ und ermutigte die Teilnehmer des Netzwerktreffens sie zu besichtigen.

Ein weiteres Konzept der CNBM zur Energieeinsparung stellt das sogenannte „Energy Plus 5.0 House“ dar. Anhand dieses Konzepts lassen sich beispielsweise für ein 150 m2 großes Haus, 2,78 Tonnen Kohle und 34.500 Ziegelsteine einsparen und eine Senkung des Bauabfalls um 200 Tonnen und des CO2 -Ausstoßes um 7,23 Tonnen erzielen. Shi Lijie stellte auch zahlreiche Projektbeispiele der CNBM im Ausland vor, wie die Solaranlagen Shotwick, Wroughton Airfield und Roanhead in Großbritannien, das grüne Stadtdemonstrationsprojekt im Bezirk Miyun in Peking, das Luxushotelprojekt Xiang Shawan Lotus in der Mongolei und das Martinsen Wohnhausprojekt in Dänemark. Darüber hinaus berichtete sie über weitere Kooperationen der CNBM mit zahlreichen Ländern wie Japan, Deutschland und Frankreich.

In Bezug auf den Kohlenstoffmarkt sieht CNBM das EHS sowohl als eine Gelegenheit zur Beschleunigung von technologischen Innovationen als auch als eine Herausforderung zur Lösung von Überkapazitäten im Baustoffsektor. Dabei sollen Unternehmen ihre CO2 - Emissionsdaten verifizieren und im gesamten Firmenmanagement sowie bei der Planung von Projekten miteinbeziehen. CNBM sei ein aktiver Teilnehmer am Kohlenstoffmarkt und habe bereits in der Vergangenheit mehrere Projekte im Rahmen des Clean Development Mechanism (CDM) initiiert. Seit 2016 ist das Unternehmen auch als unabhängige Prüfstelle für die Zertifizierung von CO2 -Emissionen in China akkreditiert.

Im Rahmen der abschließenden Diskussion beantworteten die beiden Referenten beispielsweise Fragen zu Emissionsdaten, die noch immer der chinesischen Regierung unterliegen und zumeist nicht veröffentlicht werden dürfen. Darüber hinaus haben die teilnehmenden ausländischen Unternehmensvertreter ihr Interesse an einer noch stärkeren Mitwirkung am chinesischen Markt für Energieeffizienz und Emissionsreduktion geäußert. Prof. Jiang bestätigte das Interesse Chinas, mit internationalen Unternehmen in diesem Bereich zusammenzuarbeiten und meinte, dass angesichts der Komplexität und großen Dimensionen der erforderlichen Entwicklungen im Land, spezielle Technologien und Komponenten von ausländischen Unternehmen seiner Erfahrung nach bevorzugt eingesetzt werden – insbesondere auch in energieintensiven Industrien. Für deutsche Unternehmen stellt dies zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten dar und hierfür bietet die AHK die nötige Unterstützung, um dieses Marktpotenzial nutzen zu können. Im Anschluss an die Veranstaltung bestand die Möglichkeit zum Gespräch mit den Referenten und zum weiteren fachlichen Austausch unter den Teilnehmern.

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