„Elektromobilität in China – Entwicklungen und Marktchancen“: Veranstaltungsreihe in Deutschland

31.08.16 Politics

Econet Monitor, Ausgabe August 2016

Ähnlich wie Deutschland verfolgt China das Ziel, der größte Hersteller und weltweiter Technologieführer im Bereich der Elektromobilität zu werden. Die chi­nesische Regierung hat bereits 2009 damit begon­nen umfassende Subventionen und Initiativen zur Förderung von Elektromobilität einzuführen. Auch im Frühjahr 2016 hat der chinesische Staatsrat ein weiteres Maßnahmenpaket zur strukturellen Weiterent­wicklung in diesem Bereich beschlossen. Obwohl chinesische Hersteller dank der großzügigen Subven­tionspolitik der Zentralregierung im Bereich Elektro­mobilität Fortschritte bei der Technologieentwick­lung gemacht haben und bereits eine vergleichsweise große Anzahl an Elektrofahrzeugen absetzen konnten, hat die bisherige Politik zu einem nur schwach ausge­prägten Wettbewerbsbewusstsein und einer geringen Innovationsfähigkeit bei chinesischen Unternehmen geführt. Das Know-how und die Technologien sind in vielen Bereichen noch nicht weit fortgeschritten, wo­durch sich Marktchancen für deutsche Unternehmen eröffnen.

Aufgrund von sprachlichen Hürden, Mangel an ver­lässlichen Informationen und Kontakten nutzen deutsche Unternehmen, insbesondere kleine und mit­telständische Unternehmen (KMU), allerdings noch nicht das Potenzial, das der chinesische Markt für Elektromobilität bietet. Dabei wäre ein Bewusstsein für die Anforderungen globaler Märkte für KMU be­sonders wichtig, denn Innovationen im ‚disruptiven‘ Technologiefeld Elektromobilität gehen oft gerade von KMU aus. Deutsche Unternehmen im Kontext Elektromobilität sollen deshalb über die neusten Entwicklungen im dynamischen chinesischen Markt informiert und mit Hinweisen zu möglichen Zugängen versorgt werden. Dies kann zu neuen Kooperationen und Geschäftsbeziehungen führen und damit die deutsche Kompetenz bei der Elektromobilität stärken.

Zur Unterstützung von deutschen Unternehmen beim Aufbau von Kooperationen und Handelsbeziehun­gen im Bereich der Elektromobilität in China führt die Deutsche Auslandshandelskammer Peking (AHK Greater China Beijing), gefördert durch das Bundes­ministerium für Wirtschaft und Energie, seit April 2015 das zweijährige Projekt „EMOChina“ durch. Neben einem monatlichen Newsletter und einer Delegationsreise nach China im vierten Quartal 2016, wurden im Rahmen des Vorhabens auch in diesem Jahr Infor­mationsveranstaltungen in vier deutschen Städten organisiert, um Marktchancen aber auch -risiken auf­zuzeigen und insbesondere das Interesse von KMU an einer detaillierteren Erkundung des chinesischen Marktes für Elektromobilität zu wecken bzw. zu ver­stärken.

Aufbauend auf der im Herbst 2015 durchgeführten Roadshow wurde die zweite Veranstaltungsreihe zwischen dem 7. und 17. Juni 2016 in den deutschen Städten Hagen, Gießen, Leipzig und Berlin von der AHK Greater China Beijing in Kooperation mit den zuständigen Industrie- und Handelskammern (IHKn) sowie der Berliner Agentur für Elektromobilität eMO organisiert. Im Rahmen der vier Veranstaltungen informierten der Abteilungsleiter für Bauen, Energie & Umwelt der AHK Greater China Beijing, Bernhard Felizeter, und Shi Jian vom China Automotive Technology and Research Center (CATARC) über die Marktentwicklung von Elektromobilität in China und die damit verbundenen Marktchancen für deutsche Un­ternehmen. Als weiterer, integraler Bestandteil dienten Vorträge von deutschen Firmenvertretern über Erfahrungen im Bereich der Elektromobilität in China.

Die zahlreichen Initiativen zur Förderung und Weiterentwicklung von Elektromobilität in China – 88 Städte wurden als Pilotzonen designiert – und Viel­zahl an chinesischen Anbietern eröffnet deutschen Unternehmen eine Reihe von Marktchancen in un­terschiedlichen Bereichen. Zum Beispiel bei der Forschungs- und Entwicklungsberatung für Antriebstechnologien, bei Produktionsanlagen und Trainings­dienstleistungen bietet sich ein interessantes Betä­tigungsfeld. Darüber hinaus besteht Bedarf nach deutschen Lösungen im Bereich von Ladestationen und beim Recycling, beispielsweise von Batterien. Ebenfalls erforderlich sind ausländische Lösungen bei abgestimmten Fahrzeugdesigns und im Leichtbaube­reich sowie bei Prüfungs- und Zertifizierungsleistun­gen, in denen deutsche Anbieter marktführend sind. Da das komplette Elektrofahrzeug effizient gestaltet sein muss, bestehen auch Marktchancen bei energiesparenden Komponenten wie Beleuchtung, Klimaan­lagen, Karosserie und bei Fenstern, die beispielsweise großflächig bei Bussen Einsatz finden.

„Zukunftsthemen“ wie Digitalisierung und autonomes Fahren werden in China bereits sehr aktiv aufgegriffen. In diesem Zusammenhang sollen Elektro­autos zu intelligenten Fahrzeugen weiterentwickelt werden. Zur Förderung der Innovationskraft strebt die Zentralregierung eine verstärkte Zusammenarbeit von Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen und eine Zusammenführung von verschiedenen Dienstleistungen an. Dies hat in letzter Zeit zur zunehmen­den Vernetzung von Unternehmen unterschiedlicher Branchen in Verbindung mit dem Automobilsektor geführt – angefangen von Internetunternehmen, Smartphone-Herstellern über staatliche Telekommu­nikationskonzerne bis hin zu Soft- und Hardwarean­bietern. Aufgrund dieser Entwicklung besteht zurzeit die Chance für deutsche Automobilunternehmen sowie Anbieter von Informations- und Kommunika­tionslösungen, Teil dieser Unternehmensnetzwerke zu werden und den weiteren Entwicklungsprozess aktiv mitzugestalten.

Shi Jian von CATARC konnte den Teilnehmern der Veranstaltungsreihe die neusten Entwicklungen der Branche für New Energy Vehicles (NEVs) in China näher bringen sowie daraus resultierende, weitere Marktchancen für deutsche Unternehmen aufzeigen. Insgesamt konnten bis Ende 2015 mehr als 500.000 Elektrofahrzeuge in China verkauft werden – bis zum Jahr 2020 sollen es bereits fünf Millionen sein. Obwohl China bei Forschung und Entwicklung, Komponenten sowie Produktionstechnologie für NEVs Fortschritte erzielen konnte, hinkt die heimische Industrie in einigen Bereichen noch internationalen Anbietern deutlich hinterher. Beispielsweise im Bereich von Elektromotoren bieten sich deutschen Unternehmen Möglichkeiten, in den wachsenden chinesischen Markt für Elektromobilität einzusteigen. Des Weiteren bestehen im Bereich der Prüfung und Zertifizierung von Batterien Marktchancen.

Die Veranstaltung in Hagen am 7. Juni wurde durch Frank Herrmann von der Südwestfälischen IHK zu Hagen eingeleitet und moderiert. Thomas Drescher von der Firma Kostal Kontakt Systeme, einem Anbieter von Steckverbindungen, berichtete über Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit mehreren chinesischen Elektrobusherstellern und ging dabei auch auf noch bestehende Herausforderungen bei einzelnen Kom­ponenten im Bereich der elektromagnetischen Ver­träglichkeit ein. Im Vergleich zu weiteren asiatischen Märkten wie Japan und Korea biete China insgesamt mehr Offenheit und Zugangsmöglichkeiten für auslän­dische Firmen, so Drescher.

In Gießen wurde die Informationsveranstaltung am 9. Juni durch die Geschäftsführung der IHK Gießen- Friedberg eröffnet und von Andrea Bette moderiert. Franziska Paßon vom Spiegel Institut Mannheim, das weltweit im Bereich Marktforschung tätig ist, informierte die Teilnehmer über Erfahrungen im Bereich der Elektromobilität in China aus Sicht der Konsumenten: Zwar habe die Regierung durch lukra­tive Subventionen und den automatischen Erhalt einer Zulassung einen wichtigen Kaufanreiz für Elek­troautos geschaffen, andererseits führe allerdings die derzeit unzureichende Ladeinfrastruktur, verbunden mit der geringen Reichweite der Fahrzeuge, noch zu Unzufriedenheit bei Kunden im chinesischen Markt.

Neben einer Eröffnung durch Jens Januszewski von der IHK zu Leipzig und Moderation durch Christian Grötsch vom Bundesverband eMobilität bot Prof. Dr.- Ing. Matthias Klingner als Vertreter des Fraunhofer- Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme am 13. Juni bei der Veranstaltung in Leipzig interessante Einblicke in Entwicklungskooperationen für nach­haltige Mobilität in China, insbesondere im Bereich von Bussen. Der Vortrag zeigte auf, dass sich durch die richtigen Kontakte teilweise auch kurzfristig aus­sichtsreiche Projektmöglichkeiten im Reich der Mitte ergeben können.

Die abschließende Veranstaltung in Berlin am 17. Juni wurde durch Thomas Meißner von der Berliner Agentur für Elektromobilität eMO eröffnet und moderiert. Friedemann Bay von Bosch Software Innovations teilte mit den anwesenden Unternehmensvertretern seine Erfahrungen im Bereich der Elektromobilität in China. Dabei wurde auch die hohe Smartphone- und Internetaffinität der chinesischen Bevölkerung heraus­gestellt und deutlich, dass eine Anpassung an lokale Verhältnisse und Kundenpräferenzen bei Software-und Ladelösungen für Elektrofahrzeuge entscheidend ist. Im Anschluss bot Dr. Frank Pawlitschek von der Firma ubitricity – Gesellschaft für verteile Energiesys­teme in einem weiteren Erfahrungsbericht Einblicke in den Aufbau von Geschäftsbeziehungen mit chine­sischen Partnern im Bereich der Ladeinfrastruktur, wie dem staatlichen Netzbetreiber State Grid.

Das Programm der Veranstaltungsreihe mit organisierten Fachvorträgen, Berichten von in China tätigen deutschen Unternehmen, Diskussionen sowie die breite Streuung von Themen der Elektromobilität ermöglichte es den insgesamt mehr als 120 Teilnehmern, auf vielfältige Weise ihr Wissen über die Marktentwicklung von Elektromobilität in China und die damit verbundenen Marktchancen zu verbessern. Die Informationsveranstaltungen konnten damit einen wichtigen Beitrag zur Entfaltung und Vertiefung deutscher Geschäftsbeziehungen im chinesischen Elektromobilitätssektor leisten.

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