„Elektromobilität in China – Entwicklung und Marktchancen“: Veranstaltungsreihe in Deutschland

09.11.15 Politics

Econet Monitor, Ausgabe Oktober 2015

Ähnlich wie Deutschland verfolgt China das Ziel, der größte Hersteller und weltweiter Technologieführer im Bereich der Elektromobilität zu werden. Die chine­sische Regierung hat bereits 2009 damit begonnen, umfassende Subventionen und Initiativen zur För­derung von Elektromobilität einzuführen. Allerdings sind das Know-how und die Technologien in vielen Bereichen noch nicht weit fortgeschritten, was Markt­chancen für deutsche Unternehmen eröffnet. Aufgrund von sprachlichen Hürden, Mangel an verlässli­chen Informationen und Kontakten nutzen deutsche Unternehmen, insbesondere kleine und mittelstän­dische Unternehmen (KMUs), allerdings noch nicht das Potenzial, das der chinesische Markt für Elektro­mobilität bietet. Dabei wäre ein Bewusstsein für die Anforderungen globaler Märkte für KMUs besonders wichtig, denn Innovationen im ‚disruptiven‘ Technolo­giefeld Elektromobilität gehen oft gerade von KMUs aus. Deutsche Unternehmen im Kontext Elektromo­bilität sollten deshalb über die neuesten Entwicklun­gen im dynamischen chinesischen Markt informiert und mit Hinweisen zu möglichen Zugängen versorgt werden. Dies kann zu neuen Kooperationen und Ge­schäftsbeziehungen führen und damit die deutsche Kompetenz bei der Elektromobilität stärken.

Zur Unterstützung von deutschen Unternehmen beim Aufbau von Kooperationen und Handelsbeziehungen im Bereich der Elektromobilität in China führt die deutsche Auslandshandelskammer in Peking (AHK Greater China Beijing), unterstützt durch das Bundes­ministerium für Wirtschaft und Energie, seit April 2015 das knapp zweijährige Projekt „EMOChina“ durch. Ne­ben einem monatlichen Newsletter und einer Delega­tionsreise nach China Ende 2016 werden im Rahmen des Vorhabens Informationsveranstaltungen in 2015 und 2016 in Deutschland durchgeführt, um Markt­chancen aber auch -risiken aufzuzeigen und insbeson­dere das Interesse von KMUs an einer detaillierteren Erkundung des chinesischen Marktes für Elektromo­bilität zu wecken bzw. zu verstärken.

Die erste Veranstaltungsreihe wurde zwischen dem 21. September und 1. Oktober 2015 in den deutschen Städten Nürnberg, Stuttgart, Hannover und Berlin von der AHK Greater China Beijing in Kooperation mit den zuständigen Industrie- und Handelskammern (IHKn) sowie den vier deutschen Schaufensterregionen für Elektromobilität organisiert. Im Rahmen der vier Veranstaltungen informierten der Abteilungsleiter der Umweltabteilung der AHK Greater China Beijing, Bernhard Felizeter, und Li Jun vom China Automotive Technology and Research Center (CATARC) über die Marktentwicklung von Elektromobilität in China und die damit verbundenen Marktchancen für deutsche Unternehmen. Als weiterer, integraler Bestandteil dienten Vorträge von deutschen Firmenvertretern über Erfahrungen im Bereich der Elektromobilität in China.

Mit der Förderung von sogenannten New Energy Vehicles (NEVs) – Fahrzeuge, welche alternative Antriebs- und Elektrifizierungstechnologien nutzen und nicht allein durch einen Benzin- oder Dieselmotor angetrieben werden – verfolgt die Volksrepublik drei zentrale Ziele. Chinas Automobilindustrie ist im in­ternationalen Vergleich durch einen technologischen Rückstand auf dem Weltmarkt gekennzeichnet. Aus Sicht der Zentralregierung bietet Elektromobilität die Möglichkeit, diesen Abstand gegenüber den inter­national führenden Herstellern zu schließen. Neben industriepolitischen Ambitionen bestehen für China auch handfeste energiepolitische Ziele. Das Land muss annähernd 65% seines Ölverbrauchs durch Im­porte decken. Aktives Fördern von Elektromobilität ist damit eine wichtige Strategie, um die Abhängigkeit von Ölimporten reduzieren und die Energiesicherheit des Landes erhöhen zu können. Umweltpolitisch sind Emissionen aus dem immer noch rasant wachsenden Transportsektor für einen beachtlichen Teil der täglich sichtbaren Luftverschmutzung in Millionenstädten wie Peking oder Shanghai verantwortlich. Die ver­mehrte Nutzung emissionsarmer Fahrzeugtypen kann zur verbesserten Luft- und Umweltqualität in urbanen Ballungszentren beitragen.

Sowohl Deutschland als auch China verfolgen das Ziel, Leitmarkt und Leitanbieter für Elektromobilität zu werden. Allerdings stellt die chinesische Strategie eine Art Gegenpol zur deutschen Förderstrategie von Elektromobilität dar: Anders als der systemische An­satz Deutschlands, welcher alle Entscheidungsträger zusammenbringt und Richtungsentscheidungen auf Konsensbasis fällt, verfolgt die Volksrepublik eine Top-Down-Strategie, in welcher die Zentralregierung die prinzipielle Strategie sowie die Ziele formuliert und die Implementierung auf lokaler Ebene durchge­führt wird. Die Förderstrategie Chinas ist, anders als die deutsche mit einer langen Marktvorlaufzeit, stark auf eine rasche Marktentwicklung konzentriert. Durch die Designierung von Pilotstädten versucht China, die Marktentwicklung entscheidend voranzutreiben. So­mit besteht in China, anders als in Deutschland, trotz zentral vorgegebener Strategien und Ziele ein weitest­gehend dezentrales und konkurrenzorientiertes För­derumfeld für Elektromobilität.

Die zahlreichen Initiativen zur Förderung und Weiterentwicklung von Elektromobilität in China eröffnen deutschen Unternehmen eine Reihe von Marktchan­cen in unterschiedlichen Bereichen. Angefangen von Forschungs- und Entwicklungsberatung, beispiels­weise bei Antriebs- und Batterietechnologien, über In­formations- und Kommunikationstechnologien sowie Produktionslösungen bietet sich ein interessantes Betätigungsfeld. Darüber hinaus besteht Bedarf nach deutschen Lösungen im Bereich von Ladestationen und beim Recycling, beispielsweise von Batterien. Ebenfalls erforderlich sind ausländische Lösungen bei abgestimmten Fahrzeugdesigns und im Leichtbaube­reich sowie bei Prüfungs- und Zertifizierungsleistun­gen, in denen deutsche Anbieter marktführend sind. Da das komplette Elektrofahrzeug effizient gestaltet sein muss, bestehen auch Marktchancen bei energiesparenden Komponenten wie Beleuchtung, Klimaanlagen, Karosserie und bei Fenstern, die beispielsweise großflächig bei Bussen Einsatz finden.

Seit Jahren wächst in China die Nachfrage nach soge­nannten „Low-Speed EVs“ – kleine, simple Elektro­autos zu sehr günstigen Preisen mit geringer Reich­weite. Die Produktionszahlen der insbesondere in kleinen Städten beliebten Fahrzeuge sind auf mehr als 400.000 im Jahr 2013 angestiegen. Die Stückzahlen überschreiten bei weitem die bisher verkauften „of­fiziellen“ Elektroautos und deuten darauf hin, dass ein enormes Nachfragepotenzial nach einem Typ von Elektroauto besteht, der auf eine bestimmte, preissen­sible Zielgruppe in kleineren Städten ausgerichtet ist. Durch die substanzielle Marktgröße und zukünftiges Potenzial ist dieses Marktsegment auch für deutsche Hersteller und Zulieferer, vor allem im Bereich ener­gieeffizienter Komponenten, interessant.

Li Jun von CATARC konnte den Teilnehmern der Veranstaltungsreihe die neusten Entwicklungen der NEV-Branche in China näher bringen sowie daraus re­sultierende, weitere Marktchancen für deutsche Un­ternehmen aufzeigen. Chinas neuster Förderplan sieht vor, 88 Städte als Pilotzonen zu designieren, in denen NEVs finanziell gefördert werden. Insgesamt konnte allein im ersten Halbjahr 2015 die NEV-Produktion auf annähernd 100.000 Fahrzeuge ansteigen, eine 300-prozentige Steigerung gegenüber dem Vorjahr. China setzt dabei auf vier Säulen um Elektromobil­ität langfristig erfolgreich zu fördern. Im Rahmen von makropolitischen Maßnahmen werden NEVs in In­dustrie-, Entwicklungs- und Fünfjahresplänen erfolg­reich verankert, während finanz- und steuerpolitisch gesonderte Fördergelder, günstigere Strompreise sowie Ausnahmen bei Steuern gewährt werden. Im Technologiebereich werden speziell innovative NEV-Projekte und die Entwicklung effizienterer Fahrzeug­komponenten durch Subventionen unterstützt. Als vierte Säule werden NEVs im Rahmen administrati­ver Maßnahmen, wie beispielsweise durch eine ver­einfachte Zulassung und vorteilhafte Regulierungen, bevorzugt. Obwohl China bei Forschung und Entwick­lung, Komponenten sowie Produktionstechnologie für NEVs Fortschritte erzielen konnte, hinkt die heimische Industrie in einigen Bereichen noch internationalen Anbietern deutlich hinterher. Beispielsweise im Be­reich von Elektromotoren bieten sich deutschen Un­ternehmen Möglichkeiten, in den wachsenden chine­sischen Markt für Elektromobilität einzusteigen.

Die Weiterentwicklung der Ladeinfrastruktur stellt eben-falls ein zentrales Thema in China dar. Obwohl Ende 2014 bereits über 640 Lade- und Batteriewechselsta­tionen und 37.300 Ladesäulen in China errichtet wur­den, entwickelt sich der Ausbau der Ladeinfrastruktur bedeutend langsamer als die NEV-Industrie. Demnach kommen auf jede Ladesäule vier Elektrofahrzeuge. In diesem Zusammenhang wurden diverse neue Ge­schäftsmodelle für Ladeinfrastruktur im Rahmen der Veranstaltungen vorgestellt – beispielsweise ein Misch-model, in dem Unternehmen in Ladesäulen investieren, dabei jedoch von der Regierung unterstützt werden – um den Ausbau zu fördern.

Die Veranstaltung in Nürnberg am 21. September wurde durch Armin Siegert von der IHK Nürnberg für Mittelfranken eröffnet sowie von Dr. Johann Schwenk von Bayern Innovativ moderiert. Dr. Bastian Zwissler vom Spiegel Institut Mannheim informierte die Teilnehmer über Erfahrungen im Bereich der Elektromobilität in China aus Kundensicht. Dabei wurde deutlich, dass vor allem die Reichweite von NEVs und die Ladesäulendichte entscheidende Kaufargumente in China darstel­len. Ebenfalls sind gestalterische Elemente für chine­sische Verbraucher ein wichtigeres Kaufargument als technische Details und Ausstattung. Auch Probefahrten nehmen in China eine gewichtige Rolle bei Konsumenten ein und können kaufentscheidend sein.

In Stuttgart wurde die Informationsveranstaltung am 25. September durch Stefan Büchele von e-mobil BW - Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzel­lentechnologie Baden-Württemberg eingeleitet und durch Sonja Bachofer von der dortigen IHK moderiert. Im Anschluß an einen weiteren Fachvortrag von Dr. Zwissler und einen Erfahrungsbericht von Arian Scholz der Firma Festo, interessierten sich die Teilnehmer im Speziellen auch für den aktuellen Stand der Ladeinfra­struktur in China.

Neben einer Eröffnung durch Hannah Rudolph vom Schaufenster Elektromobilität und Moderation der Veranstaltung durch Dr. Michael Seitz von der IHK Hannover informierte Jan Ackermann als Vertreter von IAV am 28. September in Hannover über Marktchancen und Investitionserfahrungen aus mittelstän­discher Sicht. Auch hierbei wurde auf die Herausfor­derung des schleppenden Ladeinfrastrukturausbaus eingegangen und darauf hingewiesen, dass Koopera­tion mit chinesischen Staatsunternehmen und Mitar­beiterbindung noch zwei zentrale Herausforderungen für deutsche Unternehmen in China darstellen.

Die abschließende Veranstaltung in Berlin am 1. Ok­tober wurde durch Dr. Lutz Kaden von der IHK Berlin eröffnet und Thomas Meißner von der Berliner Agen­tur für Elektromobilität eMO moderiert. Dr. Henning Heppner von ebee Smart Technologies teilte mit den anwesenden Unternehmensvertretern seine Erfah­rungen im Bereich der Elektromobilität. Dabei wurde deutlich, dass eine Präsenz in China sowie die Anpas­sung an lokale Verhältnisse entscheidend sei. Obwohl die öffentliche Ladeinfrastruktur noch zu teuer ist, könnten Großprojekte vor allem dank Regierungsun­terstützung leichter umgesetzt werden.

Das Programm der Veranstaltungsreihe mit organisier-ten Fachvorträgen, Berichten von in China tätigen deutschen Unternehmen, Diskussionen sowie die breite Streuung von Themen der Elektromobilität er­möglichte es den insgesamt rund 120 Teilnehmern, auf vielfältige Weise ihr Wissen über die Marktent­wicklung von Elektromobilität in China und die damit verbundenen Marktchancen zu verbessern. Die Infor­mationsveranstaltungen konnten damit einen wichti­gen Beitrag zur Entfaltung und Vertiefung deutscher Geschäftsbeziehungen im chinesischen Elektromobilitätssektor leisten.

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