Schwacher Euro vertreibt deutsche Firmen aus China

25.03.15 Press Clipping

Über den gesunkenen Euro-Kurs

 

 

Die Ausfuhr nach Europa wird zunehmend unprofitabel. Erste Unternehmen holen bereits Produktionslinien nach Hause zurück oder suchen sich neue Standorte

Ein Euro. Noch vor rund drei Jahren war das in China ganz schön viel Geld, umgerechnet fast zehn Renminbi. Derzeit ist ein Euro nur noch 6,80 Renminbi wert, ein drastischer Verlust. Rainer Hundsdörfer weiß deshalb auch nicht so recht, ob er sich über den schwachen Euro ärgern oder freuen soll. Der Geschäftsführer des Ventilatoren-Herstellers Ebm-Papst hat mehr als 11.000 Mitarbeiter, die meisten davon in Deutschland, den USA und China.

"Der gesunkene Euro-Kurs hilft uns beim Verkauf in China, hindert uns aber am Export aus China", sagt Hundsdörfer. Er weiß, dass seine chinesischen Wettbewerber stark unter den Kursschwankungen leiden. "Alle, die in China für Europa produzieren, haben jetzt ein verschärftes Problem. Unsere chinesischen Kollegen zwickt es derzeit ganz schön", sagt er. Das gilt auch für europäische Firmen, die im Reich der Mitte für den heimischen Markt fertigen. Wegen der Währungsschwankungen und der steigenden Lohnkosten wird der Export aus China zunehmend unprofitabel, schon jetzt ist es in einigen Branchen genauso teuer, in Osteuropa oder gar in Deutschland zu fertigen. Die ersten Firmen reagieren jetzt, indem sie einzelne Produktionslinien zurückholen – und China vor allem als Absatzmarkt und nicht mehr als billige Fertigungsstätte begreifen. Das Wirtschaftsmodell "China als Werkbank der Welt" hat offenbar ausgedient. Die Euro-Schwäche verstärkt diesen Trend noch.

Auch der Ventilatoren-Hersteller Ebm-Papst hat einige Fertigungslinien nach Europa verlegt. "Wir holen ganze Produktgruppen zurück", sagt Geschäftsführer Hundsdörfer, "das machen andere Konzerne auch so." Die Arbeitsschritte, die sich automatisieren lassen, gehen zurück nach Deutschland. "Die Fertigungslinien dagegen, in denen von Hand bestückt wird, verlegen wir nach Ungarn", sagt Hundsdörfer. Der Prozess habe bereits vor knapp drei Jahren begonnen, als absehbar war, dass die Produktionskosten in China kontinuierlich steigen würden. Auch bei MAN Diesel & Turbo herrscht ob des niedrigen Euro-Kurses Freude und Verstimmung zugleich. Der Hersteller von Dieselmotoren für Schiffe und Kraftwerke hat Niederlassungen in China, aber auch in Deutschland. "Einerseits profitieren wir wie jedes Unternehmen, das seine Produkte in Euro anbietet, unmittelbar von einem niedrigen Euro-Wechselkurs", sagt der Vorstandsvorsitzende Uwe Lauber. "Andererseits spüren wir über unsere globale Lieferkette auch den gegenläufigen Effekt, wir müssen Vorprodukte und Leistungen außerhalb des Euro-Raums teurer einkaufen."

Diese Beispiele zeigen: Der Euro-Verfall hat je nach Unternehmen unterschiedliche Folgen. Die ausländischen Hersteller produzieren dort zunehmend nicht mehr für den Export, sondern für den lokalen Markt und für andere asiatische Länder. So gehen rund 70 Prozent der chinesischen Erzeugnisse des Maschinenherstellers Voith an Kunden in China, 30 Prozent in andere asiatische Länder. Dieses "local for local"-Prinzip verfolgt auch MAN Diesel & Turbo. "Das klassische Outsourcing von Fertigungsschritten aus Kostengründen spielt für uns als Modell keine große Rolle", sagt Vorstandschef Lauber. Keine Rolle mehr, denn in den 90er-Jahren und Anfang der Nullerjahre war China für deutsche Unternehmen an erster Stelle noch eine billige Produktionsstätte und erst an zweiter ein Absatzmarkt.

Das belegt auch eine aktuelle Untersuchung der deutschen Handelskammer in China. Demnach gaben im vergangenen Jahr 23,1 Prozent der deutschen Unternehmen in China an, dass der Export der wichtigste Markt für sie sei, ein Rückgang von 13,4 Prozentpunkten im Vergleich zum Jahr 2013. 76,9 Prozent nannten im Jahr 2014 China als wichtigsten Markt. "Dieser Trend wird sich unserer Ansicht nach noch verstärken", sagt Simone Pohl, Chefrepräsentantin der deutschen Wirtschaft in Shanghai. "Die Mehrzahl der deutschen Unternehmen ist lokal aufgestellt und produziert für den lokalen Markt. Niedrige Produktionskosten sind daher längst nicht mehr ein ausschlaggebendes Motiv für die Präsenz vor Ort." Zwar macht der Wertverfall des Euro chinesische Produkte in Europa teurer, ebenso macht er aber europäische Produkte für Chinesen billiger. "Die, die in China für Europa herstellen, sind natürlich benachteiligt", sagt Horst Löchel, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, "aber für deutsche Exporte nach China wirkt der Kursverlust positiv." Das erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass chinesische Konsumenten und Investoren mehr Geld in Europa ausgeben – eine Sicht, die auch Hellmut Schütte, Dekan der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai teilt: "Chinesische Unternehmen sehen den derzeit billigen Euro als Möglichkeit, europäische Firmen zu kaufen."

Gleichzeitig profitierten vor allem spanische, italienische und polnische Exporteure von der Euro-Schwäche. "Sie operieren eher in Segmenten, wo sie chinesische Wettbewerber haben, die sehr preissensibel sind", sagt Schütte. Werden in Spanien, Italien oder Polen hergestellte Waren billiger, so steige auch die chinesische Nachfrage. Chinesische Hersteller von Erzeugnissen mit geringer Marge dagegen erwarten für dieses Jahr keine guten Geschäfte, vor allem die Kleidungs- und Massenartikelproduzenten sind betroffen.

Angesichts der steigenden Produktionskosten in China erhöht sich für viele westliche Firmen der Druck. Zwischen sechs und acht Prozent werden die Löhne in diesem Jahr in China zulegen, prognostizierte die Personalagentur Morgan McKinley vor wenigen Tagen. Deutsche Firmen rechnen nach Angaben der AHK Shanghai sogar mit einer Lohnsteigerung von im Schnitt 8,1 Prozent.

Das wird jedoch nach Einschätzung von Experten nicht zu einer vermehrten Rückführung von Fertigungskapazitäten nach Europa führen. "Dafür müsste der Euro für eine sehr lange Zeit sehr schwach sein", sagt Klaus Meyer, Professor an der CEIBS, "die Vorteile würden die durch Standortschließungen in China entstehenden Nachteile nicht ausgleichen." Damit ausländische und einheimische Unternehmen weiterhin die Löhne erhöhen und dabei profitabel bleiben können, muss die Produktivität der chinesischen Arbeitnehmer steigen. Dieser allgemeingültigen Regel müsse sich auch China unterwerfen, wolle es wettbewerbsfähig bleiben, meint Ebm-Papst-Chef Hundsdörfer. "Das geht hier allerdings nicht so einfach", sagt er.

Diesen Punkt sieht auch Simone Pohl von der AHK Shanghai. "Es steigt der Druck, die Produktivität zu erhöhen und den Automatisierungsgrad, speziell im produzierenden Gewerbe, zu verbessern", sagt sie. Industrien mit geringer Wertschöpfung wandern aus diesem Grund zusehends in andere asiatische Länder wie zum Beispiel Vietnam ab. "Wer billig produzieren will, der geht nicht mehr nach China", sagt Finanzprofessor Horst Löchel, "der geht nach Vietnam – oder nach Bulgarien."

Link zum Artikel auf Die Welt 

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